Diese Texte sind Fragmente.

Keine vollständigen Übersetzungen.
Keine abgeschlossenen Fassungen.

Annäherungen.


Dieses Fragment entstammt dem Theaterstück Die missverstandene Zivilisation von Dobri Voynikov.


Es beschreibt eine Sicht auf ein „junges Volk“
aus seiner Entstehungszeit heraus.

Und lässt sich doch lesen,
als würde es über diese Zeit hinausweisen.

Baj Ganyo

Ein Text zwischen Zeiten.


Baj Ganyo zählt zu den Klassikern der bulgarischen Literatur. Der Text wurde schon vor Jahrzehnten ins Deutsche übersetzt, und es gibt auch neuere Übertragungen. Und doch: Er wirkt heute aktueller denn je – und fordert eine zeitgemäße Lesart. Was heißt es, einen solchen Text neu zu übersetzen? Der Übersetzer dient dem Autor – und zugleich dem Leser, der erst im Text entsteht. Zwischen diesen beiden Polen fällt jede Entscheidung. In diesem Fragment lese ich aus meiner eigenen Übersetzung und zeige, wie sich eine solche Annäherung vollzieht – mit Respekt vor der Autorschaft und dem Bewusstsein, dass jede Übersetzung ihren eigenen Leser formt. 

Arbeitsprobe Gorenije

Die Arbeitsproben

Зимний вечер. Дрова,
охваченные огнем -
как женская голова
ветренным ясным днем.

 

Зимна вечер. Дърва,

обгърнати в прегръдката на огън – 

разгар, вибрации, вълнение,

призракът на жена -,

глава, развявана от въздуха –

в ден ясен и ветровит.

Как золотится прядь,
слепотою грозя!
С лица ее не убрать.
И к лучшему, что нельзя.

Не провести пробор,
гребнем не разделить:
может открыться взор,
способный испепелить.

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Teile den Scheitel nicht,
trenn ihn nicht mit einem Kamm
(höre nicht auf das, was es spontan in dir auslöst).

Der Blick, der sich eröffnet
(sonst erblickt dich diese Wut, fähig, dich zu verbrennen),

wird dich ins Verderben reißen.

[Winterabend. Das Feuer umschlingt das Holz.
Willkürlich wie der Wind, wenn er an einem klaren Tag den Frauenschopf verwirrt.
Der Gott des Meeres wütet. Das Haar ist zerzaust. Es ist ein Spiel der Götter.
Die Strähne wird golden. Sie glüht.
Verblendung droht. Doch streich sie nicht vom Antlitz.
So ist’s besser.
Man tut nicht, was nicht getan werden soll].

[Winterabend. Das Feuer umschlingt das Holz, wie der Wind das Haar einer Frau zerzaust – willkürlich, unberechenbar. An einem klaren Tag wirbelt er, saust, ringt mit allem, was sich ihm entgegenstellt.

Der Meeresgott tobt, sein Zorn zerzaust die Welt. 

Das Haar leuchtet  golden, glüht wie eine Flamme. Doch Vorsicht: Diese Glut kann blenden. 
Streiche die Strähne nicht aus dem Gesicht – lass sie, wo sie ist.
Man tut nicht, was man besser lässt. 

Teile den Scheitel nicht, fahre nicht mit dem Kamm hindurch. Hör nicht auf das, was dich im Moment reizt. Denn der Blick, der sich dir dann eröffnet, könnte dich verschlingen – 

wie ein Feuer, das alles verzehrt].

[Man tut nicht, was man besser lässt. 

Teile den Scheitel nicht, führ keinen Kamm hindurch. Der Blick, der sich dann öffnet, wird dich verbrennen. 

Er reißt dich ins Verderben].

[Winterabend. Das Feuer umschlingt das Holz, wie der Wind das Haar einer Frau zerzaust. An einem klaren Tag wirbelt der Wind, saust und ringt mit den Strähnen, die er verweht.
Der Meeresgott tobt, das Haar zerzaust. Eine Strähne glüht golden, leuchtet auf – fast blendend. Doch streich sie nicht aus dem Gesicht. Lass sie, wo sie ist.


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Winterabend. Das Feuer
umschlingt das Holz,
wie der Wind das Haar einer Frau
an einem klaren Tag zerzaust.


Der Wind saust, wirbelt Strähnen,
ringt, sie glühen golden –
blendend. Doch streich sie nicht aus dem Gesicht.
Lass sie, wo sie sind – besser so:


Man tut nicht, was man besser lässt. 

Teile den Scheitel nicht, 
führ keinen Kamm hindurch – 
der Blick, der sich dann öffnet, 
wird dich verbrennen. 

Er reißt dich ins Verderben.  
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Ich starre ins Feuer und verfolge die Flammen. Ihre Zungen zischen: „Fass. .. mich“ – die Spitzen knistern, verschlucken ein „nicht mehr“ und brechen mit einem „an“ ab. Die Hitze drängt mich zurück. Ich höre die Knochen knacken. Ich spüre das Leiden im zischenden „nicht mehr“, 
im wütenden „Lass los“.


Brenn, brenn vor mir – mit deiner rasenden Kraft. Dein Saum ist im Feuer verglüht. Deine Nähte wirken wie das Werk eines wirren Schneiders, wie das innere Feuer eines Gauners im Knast, der auf den Winter hofft, der folgen wird.
Jetzt erkenne ich dein Haar: zerzaust, die Dauerwelle aus dem Saum geraten. Ich erkenne die Spannung an der Glut der Feuerzange in deiner Hand.


Du bist, wie du immer warst. Splitternackt stehe ich vor dir und habe den letzten Holzstock in die Ferne geschleudert. Schade! Nur dir gebührt der Vergleich mit einer Brennenden, einem Scheiterhaufen, wenn alles von einem abfällt.

Dieses vertraute Einsaugen ins Innere, die Luft gespannt dazwischen, bis sie flutartig nach außen wirbelt – bunt, lebendig. Deine Glut, deine Flamme – besinne dich nie wieder! Endlich sind wir allein.

Deine Handschrift, deine Lettern, an den Spitzen wie mit Kohle gebrannt, habe ich nie vergessen.


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Ich blicke ins Feuer, die Zungen der Flammen

zischen: „Fass. .. mich“ –

die Spitzen knistern, ein verschlucktes „nie wieder“,

ein abgehacktes „an“.


Die Hitze wird unerträglich.

Ich höre die Knochen knacken,

spüre das Leiden im zischenden „nie wieder“,

im wütenden „Lass los“.


Brenn, brenn vor mir – mit deiner rasenden Kraft.

Dein Saum ist im Feuer verglüht,

deine Nähte wirken wie das Werk eines wirren Schneiders,

wie das innere Feuer eines Gauners im Knast,

der auf den Winter hofft, der folgen wird.


Dein Haar erkenne ich jetzt: zerzaust,

die Dauerwelle aus dem Saum geraten.

Am Ende bleibt nur die Glut der Lockenzange, nicht wahr?


Du bist, wie du immer warst.

Splitternackt stehe ich vor dir,

habe den letzten Holzstock in die Ferne geschleudert. Schade!


Nur dir gebührt der Vergleich mit einer Brennenden,

einem Scheiterhaufen,

wenn alles von einem abfällt.


Dieses vertraute Einsaugen ins Innere,

die Luft gespannt dazwischen,

bis sie sich flutartig nach außen wirbelt –

bunt, lebendig.


Deine Glut, deine Flamme –

besinne dich nie wieder!

Endlich sind wir allein.

Deine Handschrift, deine Lettern, an den Spitzen wie mit Kohle gebrannt,

habe ich nie vergessen.



Vier Strophen – ein Labyrinth 

Für die ersten vier Strophen liegen auf meinem Tisch: syntaktische Skizzen, Betonungspläne, Varianten der Bildführung, mythologische Verweise, Notizen zur Klangentsprechung, verworfene Fassungen. Drei Strophen – und doch ein ganzes Labor. Das Unsichtbare an literarischer Übersetzung ist, dass die eigentliche Arbeit lange vor dem flüssigen Text geschieht. 

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[Auch die Analyse spielt eine Rolle: Dass bei Brodsky Mann und Frau im Dialog oft eine Kette semantischer Strukturen aus dem Äneas-Mythos aufgreifen, gilt in der Forschung längst als unumstritten:

Winterabend. Feuer umschlingt das Holz. (Willkür des Windes, wenn er den Frauenschopf
an einem klaren Tag verwirrt,
schwingt / mit dem sausenden Winde ringt.

Wütet der Gott des Meeres,
zerzaust ist das Haar
(Anspielung auf das willkürliche Spiel der Götter).

Die Strähne wird golden –
sie glüht golden –
oder nur: die Strähne glüht golden.

Es droht Verblendung, aber:

Streich sie vom Antlitz nicht weg,
[vom Gesicht] – besser ist’s so.

Man tut nicht,
was nicht getan werden soll.


(Winterabend. Das Feuer umschlingt das Holz, wie der Wind am klaren Tag das Haar (einer Frau) zerzaust. Der Wind saust, wirbelt Strähnen, ringt mit ihnen, lässt sie golden glühen. Doch Vorsicht: Verblendung droht. Streiche die Strähne trotzdem nicht aus dem Gesicht. Lass sie, wo sie ist – besser so. Man tut nicht, was man nicht tun sollte. Teile den Scheitel nicht, nimm keinen Kamm zur Hand. Der Blick, der sich dann öffnet, wird dich verbrennen, dich ins Verderben reißen).

Verbrennen, Verblendung, Blindheit– wie übersetzt man Brodsky? Eine Anspielung auf den Mythos: Äneas darf sich nicht ergreifen lassen. Das Feuer weiblicher Leidenschaft packt nicht nur das Herz, sondern den Kopf, den Schädel. Nicht die Seele erkrankt, sondern das Selbstbewusstsein brennt. Es ist die Erwartung, auf Augenhöhe zu sein, das Vertrauen in Gleichheit und Freiheit, das in Flammen steht. Die historische Rolle seines Geschlechts erlaubt ihm nicht, weich zu werden, keine liebevolle Geste zu wagen. Die Strähne, die über das Gesicht der Geliebten fällt, bleibt unberührt. Es ist der Kopf, der nicht hält. Das Feuer hält das Holz, der Kopf nicht die Strähne. 

Pflicht gegen Liebe – ein umgekehrtes Spiel. Der Impuls ist da, doch er dient der Selbsterhaltung. „Wie Äneas Didos Blick in der Unterwelt meidet, meide ich die Geste. “ Der Blick blendet – und was er blendet, verbrennt er nicht: die Einsicht. Geht es um die Unmöglichkeit zärtlicher Männlichkeit unter historischen Zwängen? Oder um die Gefahr des Blicks, der Erkenntnis? Warum darf die Strähne nicht weggestrichen werden? Ist es ein Tabu, die Angst vor Kontrollverlust, ein rituelles Verbot? Denn die Berührung öffnet einen Blick – und der verbrennt.)




Der Schliff
Am Ende darf nichts von der Mühe sichtbar sein. Der deutsche Text muss stehen: klar, unaufgeregt, selbstverständlich. Doch der Weg dorthin führt über Umwege, Analysen, Verwerfungen. Nicht, weil der Text kompliziert gemacht werden soll, sondern weil er seine Komplexität bereits besitzt. 

Winterabend. Das Feuer 
umschlingt das Holz
wie ein Frauenschopf, 
den der Wind verweht. 

Am klaren Tag wirrt er,
der Wind saust, schwingt die Strähne, 
ringt, glüht golden – 
Verblendung droht. 

Streich sie trotzdem nicht aus dem Gesicht.
Lass sie, wo sie ist. 
Es ist besser:
Man tut nicht, 

was man nicht tun soll.

Teile den Scheitel nicht. 
Trenn ihn nicht mit einem Kamm. 
Der Blick, der sich dann öffnet, 
wird dich verbrennen. 

Er reißt dich ins Verderben.



Bei den nächsten sechs Strophen kann keine Lyrik „fließen“. Die Bilder sind zu stark, die Sätze zu vollkommen, die Wörter selbst Materie. Ich schreibe sie einfach aus. Lang, prosaartig, nur an Brodskys perfekter Syntax orientiert, scheinen sie besser für seine deutsche Übersetzung geeignet. Doch es ist nur meine erste Arbeitsprobe. Wer weiß, wie ich mich später entscheide?












































































Die letzten Strophen, an denen ich gearbeitet habe,  zeigen noch die roheste Fassung – eine grobe Ahnung möglicher Bedeutungen. Das Sichtbarste ist oft das Täuschendste und doch das Wahre:

Wie sehr du auch deine Züge verbirgst,

dein Wesen verrät dich.

Niemand außer dir

konnte sich so hingeben,

sich verausgaben, aufrichten,

sich querstellen.


Hätte diese Leidenschaft den Nazarener ergriffen,

er wäre wahrhaftig auferstanden!


Brenne, lodere, sündige,

ersticke an dir selbst.

Tanz wie eine Mänade

mit festgebissener Lippe.


Heule, zittere, schüttle

deine mageren Schultern.

Der Himmel möge deinen Rauch verschlingen!


Seidenstoffe zerreißen, knistern,

entblößen Haut.

Mal blitzt eine Wange auf,

mal lodern Lippen.


Gebäude stürzen ein,

aus den Trümmern der Waden

springen Funken,

übersäen den Himmel mit Sternen.


Du bist, wie du warst.

Vom Schicksal, von der Behausung

bleibt nur Asche,

glühende Kohlen.


Kälte, Morgendämmerung, Schnee –

der Tanz gefrorener Ruten.

Wie eine durchgehende Verbrennung:

das Gehirn, das nicht standhielt.


















Dido und äneas

.Дидона и Эней
                                                       
        Великий человек смотрел в окно,                
        а для нее весь мир кончался краем              
        его широкой, греческой туники,                 
        обильем складок походившей на                  
        остановившееся море.                           
            Он же                                      
        смотрел в окно, и взгляд его сейчас            
        был так далек от этих мест, что губы           
        застыли, точно раковина, где                   
        таится гул, и горизонт в бокале                
        был неподвижен.                                
            А ее любовь                                
        была лишь рыбой -- может и способной           
        пуститься в море вслед за кораблем             
        и, рассекая волны гибким телом,                
        возможно, обогнать его... но он --             
        он мысленно уже ступил на сушу.                
        И море обернулось морем слёз.                  
        Но, как известно, именно в минуту              
        отчаянья и начинает дуть                       
        попутный ветер. И великий муж                  
        покинул Карфаген.                              
            Она стояла                                 
        перед костром, который разожгли                
        под городской стеной ее солдаты,               
        и видела, как в мареве костра,                 
        дрожавшем между пламенем и дымом,              
        беззвучно рассыпался Карфаген                  
                                                       
        задолго до пророчества Катона.                 
                                                       
                1969

Дидона и Эней
                                                                      
                                                       
                1969

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Dido und Äneas


                1969


Der große Mensch sah aus dem Fenster. Ihre Welt endete im Saum seiner weiten griechischen Tunika: Die Falten hielten das erstarrte Meer fest – die Stürme der Winde und Götter längst verklungen. Sein Blick schweifte weit fort, so weit, dass seine Lippen stumm blieben wie eine Muschel, in der das Meeresrauschen verstummt. Der Horizont lag still wie ein Kelch. 


Ihre Liebe war nur ein kleiner Fisch – vielleicht mutig genug, sich ins Meer zu stürzen, dem Schiff zu folgen, das ihn trug, mit geschmeidigem Körper die Wellen zu durchschneiden – vielleicht fähig, ihn einzuholen! Doch er hatte im Geist schon das Festland betreten, wo die Erde trocken war: Das Meer verwandelte sich in ein Tränenmeer. 



Doch wie so oft in Momenten tiefster Verzweiflung kam der günstige Wind, und der große Mensch verließ Karthago. Sie stand vor dem Scheiterhaufen, den ihre Soldaten unten am Strand vor den Stadtmauern entzündet hatten, und sah, wie Karthago im Dunst des Feuers, zwischen Flammen und Rauch, für einen flüchtigen Moment schimmernd bebte – lautlos in seinem Untergang.

(Mai 2026)

Дидона и Эней

Великий человек смотрел в окно, 

Äneas (A. der Große) hatte seinen Blick zum Fenster gerichtet 


(„смотрел“ (ipv.) bezeichnet keinen punktuellen Blick, sondern einen andauernden Wahrnehmungszustand. So erscheint Aeneas nicht als handelnde Figur, sondern als in die Ferne entrücktes Bewusstsein. Das Neue bei Brodsky: Der Aspekt organisiert nicht nur Zeit, sondern Raum. Die Grammatik erzeugt räumliche Entfernung. Die psychische Abwesenheit wird sichtbar.


  • die slawische Verbform lässt sich im Deutschen oft nicht mit nur einem Verb wiedergeben. Das Imperfektive verlangt häufig nominale Strukturen.


- beschrieben wird keine Katastrophe,
sondern eine dauerhaft etablierte Struktur des Sehens -

а для нее весь мир кончался краем его широкой, греческой туники,

„кончался“ - auch imperfektiv.

„Für sie endete die Welt am Saum seiner Tunika.“

Nicht die Welt „endete plötzlich“,
sondern ihre Welt hat kontinuierlich dort ihre Grenze: Der Satz beschreibt keinen Moment, sondern eine totale Wahrnehmungsordnung.


- Die Welt „endete“ nicht plötzlich. Ihre Welt hatte dort fortwährend ihre Grenze. Der Satz beschreibt keinen Moment,sondern eine vollständige Wahrnehmungsordnung. Didos Perspektive organisiert den Raum ganz um Aeneas herum. Das spielt auf Vergils sprechende Dido an, die in ihren Dialogen und Monologen die thematischen und semantischen Zusammenhänge mit ihrem verstorbenen Mann und ihrer Treue, der Festigkeit im Ehebündnis, zu vermischen scheint. Die Welt reicht nur bis zum Stoff seines Gewandes. Beide gehören derselben Gesellschaftsordnung an. Daraus entsteht ihre Verblendung. Das Imperfektiv macht daraus keinen dramatischen Augenblick, sondern einen existenziellen Zustand.

Bei Brodsky beschreibt Didos Wahrnehmung keine einzelne emotionale Überwältigung, sondern eine totale Ordnung der Wirklichkeit. Mit кончался („endete / hörte auf“) wird kein punktueller Zusammenbruch der Welt erzeugt, sondern ein dauerhaft gültiger Wahrnehmungsraum. Didos Welt hat kontinuierlich dort ihre Grenze, wo Aeneas beginnt.

In der Aeneis liest Dido Aeneas nie einfach als fremden Mann oder zufälligen Geliebten. Sie integriert ihn semantisch in die bereits vorhandenen Kategorien ihrer eigenen Welt: Ehe, Treue, gemeinsame Herrschaft, sakrale Bindung, dynastische Kontinuität.

Das Tragische ist gerade, dass sie die Beziehung innerhalb eines stabilen sozialen und moralischen Ordnungssystems interpretiert, während Aeneas bereits einer anderen Ordnung verpflichtet ist: fatum, Gründungsgeschichte, transpersonale Pflicht, zukünftiges Rom.

Dadurch entsteht eine asymmetrische Wirklichkeit.

его широкой, греческой туники, seiner weiten griechischen Tunika war / endete im Saum seiner weitläufigen (erweitert den Flex) griechischen Tunika, deren Faltenfülle dem (gerade/bereits dem )seine Wellenregung anhaltenden Meer glich (hier erneut der Aspektwechsel: seine Tunika glich einmalig und im Raum und in der Zeit des Geschehens!) .

обильем складок походившей на
остановившееся море.

Он же Er blickte nun (Rückkehr zum anfänglichen Blick, um den kommunikativen Akt neuauszulösen) aus dem Fenster (auch imperfektiv, sich bis zur letzten Konsequenz wiederholend!)

смотрел в окно, и взгляд его сейчас und sein Blick war in diesem Augenblick (neben dem imperfektiven dauerhaft/mehrfach diese Szene betrachten ist dieses „war jetzt“ ein krasser Gegensatz (so gestaltet sich Distanz und Rückkehr in den Raum im Gedicht! – er ist wieder in dem Raum, in dem auch Dido im Saum seiner Tunika ihr schmerzerfülltes Gesicht hält, und dennoch wird seine Präsenz in einem anderen Raum unmittelbar kommuniziert, nachdem bereits eine „historische“ und das heißt sich in Geschichtsbüchern und Analysen immer wiederholende und immer derart ausgestaltete Szene geschaffen wurde) so weit weg von diesen Ländern, dass die Lippen (schon monumenthaft) erstarrt – wie eine Muschel, wo sich der Rumor des rauschenden Meeres verbirgt (hier ist es sogar Präsens, wie wenn uns märchenhaft erzählt wird: Es war einmal eine Muschel, und darin hatte sich das Meeresrauschen verborgen, und wenn diese Muschel noch lebt – und sie lebt ja, ist harte Materie! –, dann verbirgt sich in ihr immer noch das Meeresrauschen) und der Horizont bewegte sich im Glas nicht (Wiederkehr im Raum der gegenwärtigen Szene)

был так далек от этих мест, что губы
застыли, точно раковина, где
таится гул, и горизонт в бокале
был неподвижен.

„застыли“ – perfektiv. Die Dynamik kippt.

Die Lippen „erstarrten“ – Abschluss,, Resultat, endgültige Form.

Das Perfektiv "friert ein" die vorher offenen Bewegungen.

Vorher: Blick, Ferne, Dauer.

Jetzt: Monument, Skulptur, Stillstand –

ein Bild des „Monumenthaften“ an die Verbform gekoppelt.
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„таится“ Präsens.


Nicht Vergangenheit,
nicht konkrete Szene,
sondern etwas Dauerwahres.

In der Muschel „verbirgt sich“ das Rauschen.

Das Präsens löst den Satz aus der Erzählzeit heraus.
Es klingt fast: mythisch, gnomisch, allgemeingültig.

Darum wirkt das Bild größer als die konkrete Szene zwischen Dido und Aeneas.

Die Muschel wird zum Modell eingeschlossener Erinnerung:
äußere Erstarrung, inneres Fortrauschen.

eine eigentümliche Spannung durch das Adverb сейчас („jetzt“) : Einerseits bleibt die Szene durch das Imperfektiv offen und andauernd; andererseits bringt dieses „jetzt“ eine plötzliche Gegenwärtigkeit in die Beschreibung. Gerade dadurch entsteht der Eindruck simultaner Nähe und Ferne: Aeneas befindet sich physisch im Raum, mental jedoch bereits außerhalb desselben.


verdichtet wird dies im Bild der Lippen:

что губы
застыли, точно раковина

„dass die Lippen erstarrten wie eine Muschel.“

Hier wechselt Brodsky zum Perfektiv (застыли). Im Gegensatz zu den offenen, andauernden Imperfektiva bezeichnet diese Form einen abgeschlossenen Zustand. Die Bewegung friert ein. Die Lippen erscheinen nicht mehr lebendig, sondern skulptural, fast monumental.

Die Muschelmetapher führt zugleich das Motiv des Meeres weiter:


где
таится гул

„in der sich ein Rauschen verbirgt.“

Das Präsens таится besitzt hier gnomischen Charakter. Es beschreibt nicht bloß einen Moment innerhalb der Szene, sondern formuliert eine allgemeine Wahrheit: In der Muschel verbirgt sich immer das Echo des Meeres. Dadurch wird die Muschel zum Modell eingeschlossener Erinnerung — äußerlich hart und reglos, innerlich jedoch noch vom Rauschen erfüllt.

Das Schlussbild radikalisiert schließlich den Eindruck der Erstarrung:

и горизонт в бокале
был неподвижен

„und der Horizont im Kelch war unbeweglich.“

Бокал bezeichnet hier ein Wein- oder Trinkglas. Der Horizont erscheint damit nicht als wirkliche Landschaft, sondern als eingeschlossene Miniatur der Ferne. Selbst der Horizont bewegt sich nicht mehr. Das Gedicht führt seine Bildlogik damit konsequent zu Ende:
das Meer erstarrt, die Lippen erstarren, der Horizont wird unbeweglich.


So entsteht eine Poetik des Stillstands. Die grammatischen Aspekte strukturieren dabei nicht nur Zeitverhältnisse, sondern erzeugen selbst die räumliche und emotionale Architektur der Szene: Dauerblick, Ferne, Einschluss und endgültige Erstarrung.

Nicht die Übersetzung.
Der Weg zu Brodsky



Äneas blickte zum Fenster. 

Für sie endete die ganze Welt am Saum seiner weiten griechischen Tunika. 

Deren Falten glichen dem Meer, das seine Wellenregung gerade anhielt/

Er blickte aus dem Fenster. In diesem Augenblick war sein Blick so weit weg von diesen Ländern, dass seine Lippen erstarrt waren – wie eine Muschel, in der sich der Rumor des rauschenden Meeres verbirgt. 

Und der Horizont bewegte sich im Glas nicht.


Äneas, der große Mensch, schaute zum Fenster. Ihre ganze Welt endete immer wieder im Saum seiner weiten griechischen Tunika. Die Falten darin erinnerten an das Meer, das den Sturm der Winde und Götter längst beruhigt hatte.Sein Blick wanderte hinaus, so fern von diesen Ländern, dass seine Lippen erstarrten wie eine Muschel, die das Rauschendes Meeres in sich birgt. Der Horizont im Kelch blieb regungslos.


Äneas, der große Mensch, sah zum Fenster. Der Saum seiner weiten griechischen Tunika umschloss unaufhörlich den Kreis ihrer Welt. Die Falten lagen da wie das Meer, in dem Sturm und Götter längst zur Ruhe gekommen waren. Nun schaute er hinaus. In diesem Moment schweifte sein Blick so weit, dass seine Lippen erstarrten wie eine Muschel, die das Rauschen des Meeres verschließt. Der Horizont im Kelch blieb völlig still.

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Äneas, der große Mensch, sah zum Fenster. Der Kreis ihrer Welt schloss sich unaufhörlich im Saum seiner weiten griechischen Tunika. Ihre Falten lagen da wie das Meer, in dem der Sturm der Winde und Götter längst verstummt war. 

Nun blickte er hinaus. In diesem Moment schweifte sein Blick so weit von diesen Ländern fort, dass seine Lippen starr blieben wie eine Muschel, in der das Rauschen des Meeres schweigt. 

Der Horizont im Kelch lag völlig still.


Ihre Liebe aber war nur ein kleiner Fisch – vielleicht fähig, sich ins Meer zu stürzen, dem Schiff zu folgen, mit biegsamem Körper die Wellen zu durchschneiden – möglich, ihn einzuholen! 

Doch er hatte im Geist schon das Festland betreten, wo es trocken war: Das Meer wurde zum Tränenmeer. (wie eine Regieanweisung – augenblickliche Versetzung in einen anderen Raum) 

Doch wie immer: Im Moment großer Verzweiflung setzt der günstige Wind ein, und der große Mensch verließ Karthago.


Sie stand vor dem Scheiterhaufen, den ihre Soldaten unten am Strand vor den Mauern der Stadt entzündet hatten, und sah, wie im Dunst des Feuers, zwischen Flamme und Rauch, für einen kurzen Moment Karthago in seinem lautlosen Untergang bebte.

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Ich übersetze Brodsky nicht.

Ich versuche, ihn zu verstehen

 
Dido und Äneas

Der große Mensch sah aus dem Fenster. Ihre Welt endete im Saum seiner weiten griechischen Tunika: Die Falten hielten das erstarrte Meer fest – die Stürme der Winde und Götter längst verklungen. Sein Blick schweifte weit fort, so weit, dass seine Lippen stumm blieben wie eine Muschel, in der das Meeresrauschen verstummt. Der Horizont lag still wie ein Kelch. 

Ihre Liebe war nur ein kleiner Fisch – vielleicht mutig genug, sich ins Meer zu stürzen, dem Schiff zu folgen, das ihn trug, mit geschmeidigem Körper die Wellen zu durchschneiden – vielleicht fähig, ihn einzuholen! Doch er hatte im Geist schon das Festland betreten, wo die Erde trocken war: Das Meer verwandelte sich in ein Tränenmeer. 

Doch wie so oft in Momenten tiefster Verzweiflung kam der günstige Wind, und der große Mensch verließ Karthago. Sie stand vor dem Scheiterhaufen, den ihre Soldaten unten am Strand vor den Stadtmauern entzündet hatten, und sah, wie Karthago im Dunst des Feuers, zwischen Flammen und Rauch, für einen flüchtigen Moment schimmernd bebte – lautlos in seinem Untergang.