Zwischen Übersetzung und Erinnerung
Manche Texte lassen sich übersetzen. Andere lassen einen nicht mehr los.
Dieser Text begann als Übersetzung eines bulgarischen Artikels über die Plovdiver „Glavnata“. Irgendwann folgte ich nicht mehr nur den Worten der Autorin, sondern auch meinen eigenen Bildern. So entstand kein zweiter Originaltext und keine Bearbeitung, sondern eine literarische Antwort – inspiriert von derselben Straße, derselben Stadt und einer anderen Stimme.
Dies ist diese Antwort.
Die "Glavnata" in Plovdiv braucht keine Vorstellung. Die Flaniermeile, auch "Stargaloto" ("die Reibe") genannt – wohl wegen der abgenutzten Bodenplatten durch die vielen Bummler –, zieht sich vom weiten Platz vor der Post bis zur Fußgängerbrücke am anderen Ende, deren Name kaum jemand kennt. Links und rechts säumen schmucke Läden, Cafés, einfache Stände mit frischen Säften und Kaffee sowie ein Theater die breite Einkaufsstraße. Sie locken so manchen Spaziergänger, der neugierig im Zickzack umherschlendert, um die verborgenen Schätze zu entdecken. Dieses Wahrzeichen, Inbegriff von Kultur, Lebensart und Geschmack des bulgarischen Flaneurs, birgt die Geheimnisse von Hunderttausenden Plovdivern und Besuchern. Für den einen war es eine wilde Nacht in den Diskotheken, für den anderen ein ruhiger, romantischer Abend. Ein dritter erinnert sich vielleicht an nichts – doch alle, wirklich alle, sind einmal über die Glavnata geschlendert...
Plovdivs Innenstadt folgt keiner verwinkelten Laune. Sie hat Ordnung. Von der breiten, langen „Glavna“ zweigen in beinahe regelmäßigen Abständen Parallelgassen ab.
In gläsernen, schmucken kleinen Läden lockt die Auslage. Passanten stöbern im Zickzack und suchen nach kleinen Schätzen. Mancher lässt Boss oder Gucci links liegen. Stattdessen nimmt er ein hübsches Kleidungsstück für drei Euro mit nach Hause, dazu eine Ikone, deren Ausfuhr mit einigem bürokratischen Aufwand verbunden ist.
Auch die Böden erzählen von zwei Städten. In Plovdiv wirken die rosafarbenen Platten der „Glavnata“ bisweilen romantisch. Man läuft dort im wörtlichen Sinn auf römisch-thrakischer Infrastruktur. Im historischen Zentrum Sofias dagegen fordern die gelben Pflastersteine die Schuhe der Spaziergänger heraus.
Diese Steine sind mehr als ein Hindernis. Sie gelten als markantes Symbol, als Geschenk der Habsburger an Bulgariens einstige Monarchie. Doch Demonstrationen unserer „Russlandstreue“ haben sie zerrieben. Für viele, auch für demokratische Spötter, stehen sie heute nur noch dafür.
Diese architektonische Errungenschaft verlieh Bulgariens mitteleuropäischer Architektur einst ein unverwechselbares Gepräge und bewahrte sie vor dem sozialistischen Baugeist. Bis heute zieht sie Sentimentalisten und Verschwörungstheoretiker gleichermaßen an.
Das hier ist der erste Text...